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... eine lustige aber wahre Kurzgeschichte ...

" Sommerglück" von Elke Kleist

Frau Hochsaison rieb sich den schmerzenden Rücken.

Das Kreuz, das sie zu tragen hatte, wurde von Jahr zu Jahr schwerer. Oder wurde sie alt?

Ja früher, da war alles anders. Da konnte sie im Mai noch in aller Ruhe durch den Ort schlendern, mal hier, mal da nach dem Rechten gucken und immer mal ein Schwätzchen mit Herrn Winterschlaf halten, bevor der sich bis zum Ende des Sommers zu Bett begab und sie sich in den Saisontrubel stürzte. Im September tauchte er, meist noch etwas verschlafen, dann wieder auf, um den Staffelstab für den Winter von ihr zu übernehmen.

Die Gäste wurden weniger, das Schrittmaß langsamer, es kehrte Ruhe ein. Das waren noch Zeiten!

Aber das war vorbei. Längst hatten die Urlauber erkannt, dass Prerow das ganze Jahr über wunderschön war. Neidisch dachte sie an Herrn Winterschlaf. Der lag zusammengerollt irgendwo weit ab vom Trubel und seine Ruhezeit wurde von Jahr zu Jahr länger, während sie sich immer mehr abstrampeln musste.

Als sie vor dreißig Jahren die großen Schuhe ihrer Vorgängerin übernommen hatte, war Prerow noch ein kleiner, überschaubarer Ferienort. Inzwischen musste sie sich um das Dreifache an Gästen kümmern und es wurde immer weiter gebaut. Das Problem war nur, dass Prerow dabei nicht größer wurde. Sie raffte sich auf und schaute, was als nächstes zu tun war, als einer von gefühlt einer Million Fahrradfahrer ihr erst in die Hacken fuhr und dann den Lenker in die Hüfte rammte. Ehe sie sich versah, war er ohne ein Wort der Entschuldigung davon gesaust. Immerhin hatte er sie nicht auch noch beschimpft. Als damals die ersten Fahrradwege gebaut wurden, glaubte sie noch an einen großen Irrtum. Sie waren schließlich nicht in China. Doch mittlerweile gab es weit mehr Fahrräder als Platz für sie. Und so schwebte man als Fußgänger allzu oft in Lebensgefahr. Noch

dazu, wo sehr viele Urlauber ihr Fahrrad nicht beherrschten, geschweige denn diese neumodischen E-Bikes, und Verkehrsregeln sowieso überbewertet wurden. Man war ja schließlich auf dem Dorf! Sie hastete weiter durch Prerow, kontrollierte die Sauberkeit der Wege und ob die Papierkörbe geleert wurden. Man konnte nie genug aufpassen. Beim Bäcker hatte sich bereits eine lange Schlange gebildet. Frische Brötchen zum Frühstück erforderten ein hohes Maß an Geduld und Ausdauer. Nur gut, dass sie selbst altes Brot bevorzugte. Auf dem Spielplatz herrschte schon Hochbetrieb. Hatte nicht erst kürzlich irgendjemand behauptet, es gäbe zu wenig Kinder, Deutschland würde aussterben? Nun, dann mussten wohl die zu wenigen Kinder alle auf einmal in Prerow sein, oder der Mann hatte sich schlichtweg getäuscht. Sie liebte Kinder. Neulich, zum Beispiel, vorm Spielzeugladen, da musste ein Vater sein Fahrrad zwischen sich und seinen vierjährigen Sprössling stellen, um dessen Schlägen und Fußtritten zu entgehen, weil der seinen Willen nicht bekommen hatte. Herrlich!

Oder der Säugling, der vor ein paar Tagen noch im Fruchtwasser der Mama schwamm und nun mit seinem nächtlichen Geschrei eine komplette Feriensiedlung wachhalten konnte. Was für eine starke Stimme!

Ach, sie liebte Kinder. Natürlich gab es auch die unauffälligen, ruhigen Familien. Aber wo blieb da das echte Urlaubsgefühl? Und dann die Hunde. Sie hätte nie gedacht, dass sich Prerow einmal zu einem solchen Hundeparadiesentwickeln würde. Manch eine Ferienwohnung durfte sich gleich über zwei, drei oder gar noch mehr Hunde zur selben Zeit freuen. Und wie schön die kleinen schwarzen Beutel mit den Hinterlassenschaften der Vierbeiner auf Hecken, an Ästen oder Zäunen im Wind flatterten, wo Herrchen oder Frauchen sie fröhlich und in kühnem Bogen entsorgt hatten. Schön! Ach, sie liebte Hunde. Vergnügt lief sie weiter. All das entging Herrn Winterschlaf. Was sie doch für ein Glück hatte, dass sie all das miterleben durfte.

Sie liebte den Sommer!

...auch auf dieser Seite kann der "FEHLERTEUFEL" sein Unwesen treiben - solltet Ihr Ihm begegnen - bitte meldet Euch bei uns - Danke

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